Der neue Nachbar – Teil 1
Zufrieden faltet Ben den letzten Umzugskarton zusammen und stellt ihn zu den anderen vor die Garderobe im Flur. Er schaut nach oben und nickt sich im Spiegel anerkennend zu. „Den ganzen Umzug hab ich alleine gewuppt. Gut, waren nicht so wahnsinnig viele Kartons und auch nicht irre viele Möbel, weil so ein ganzes Haus erstmal noch gefüllt werden will und manche Bestellungen noch auf sich warten lassen, aber: Ich bin trotzdem stolz auf mich. Vor allem auf mein neues zu Hause und mein Eigentum.“
„Sooo, was mach ich denn als nächstes?“, fragt Ben seine Spiegelversion, „saubermachen?“, worauf sie nur mit dem Kopf schüttelt, „was dann? Kaffeemaschine einweihen?“, was sie mit einem deutlichen Nicken bestätigt. „Na denn, Kaffeemaschine einweihen!“, bestätigt er begeistert und klatscht in die Hände. Da in der Küche schon alles an Ort und Stelle ist, gehen ihm die Handgriffe in der neuen Umgebung schon sehr zügig und beinah automatisch von der Hand, sodass er Zeit hat, wieder mal in seine Gedankenwelt abzutauchen: „Ich freue mich schon richtig darauf, mich an meinen nächsten Fall zu setzen und meine Arbeit an einer neuen Reportage aufzunehmen, weil ich mein Büro echt klasse eingerichtet habe mit dem direkten Blick auf den kleinen, aber feinen Garten. Jetzt im Mai blüht alles schon so schön, der Rasen ist wieder saftig grün und die Temperaturen sind auch endlich wieder hoch genug, um im T-Shirt vor die Tür zu gehen – oder zumindest im Hoodie.“
Irritiert murmelt Ben sich die Frage „Wieso geht denn jetzt die Maschine nicht an?!“ in seinen kurzen Dreitagebart und rückt sich die eckige Brille zurecht, um einen genauen Blick auf den Schalter zu werfen. „Nichts.“ „Hä?! Ich werde doch wohl nicht vergessen haben, den Steck…Oh…doch. Oh Mann!“ Die Augen verdrehend über die eigene Dummheit schließt Ben die Kaffeemaschine an den Strom an und kann sie endlich einschalten. Noch einmal den Kopf schüttelnd dreht er sich um und lehnt sich, die Arme über der Brust kreuzend, an die Arbeitsplatte. „Ich bin total gespannt, wie das hier alles so wird. Die erste Nacht zum Beispiel. Der erste Filmabend. Wie sich das Einleben generell gestaltet und wie schnell das wohl gehen wird oder wie lange es dauert. Oder wie die Nachbarn sind, die kenne ich ja noch gar nicht. Das sollte ich bald ändern. Jap, das mache ich. Die Putzerei kann warten. Sobald mein Kaffee fertig ist, gehe ich mal zu meinen neuen Nachbarn und stelle mich vor. Aber vorher: Pipipause.“
Zurück von der Toilette schenkt Ben sich eine große Tasse Kaffee ein – „Ich weiß ja nicht, wie lang das jetzt dauert – nicht, dass ich noch verdurste.“ – dazu etwas Zucker und einen ordentlichen Schluck Milch und schon geht’s in Richtung Haustür, wo er sich noch schnell seinen Schlüssel greift und dann hinausschlüpft. „So, und nu? Wo fang ich denn an? Erst die direkten Nachbarn oder einfach mal gegenüber anfangen? Ich fang gegenüber an. Erst links und rechts zu machen ist mir irgendwie zu…spießig. Na denn…“ Gedacht, getan und nach einem kurzen Blick nach rechts und links überquert Ben mit großen Schritten die Straße und steht kurz darauf vor einer blauen Haustür mit einer mittig angebrachten Klingel, die er direkt betätigt und gespannt wartet, ob sich die Tür überhaupt öffnen wird. Zehn Sekunden später öffnet sich die Tür langsam und ein kleiner Kopf lugt durch den Spalt heraus: „Ja?“
„Hallo, ich bin der neue Nachbar von gegenüber und heiße Ben. Ich möchte mich gerne vorstellen.“
Die Tür fliegt auf und ein strahlendes Mädchengesicht lacht ihn an: „Oh, schön, jemand Neues, das ist ja aufregend! Mama! Mama, hier ist der neue Nachbar!“
„Ich komme ja schon“, hört man es aus dem Hintergrund rufen und kurz darauf erscheint die Mutter ebenfalls in der Tür: „Oh, guten Tag!“
„Hallo, ich habe das Haus gegenüber – Nummer 15 – gekauft und bin heute endlich komplett eingezogen. Ich möchte mich vorstellen: Ben Friedland.“
„Hallo Ben, ich bin Ellie!“, schreit das Mädchen ihn etwas zu laut an und streckt ihm die kleine Hand selbstbewusst hin, die Ben direkt ergreift:
„Hallo Ellie, du bist ja ein aufgewecktes Kind.“
„Ja, und sehr neugierig!“, schreit sie ihn wieder einen Ticken zu laut an.
„Ja, das ist sie. Ich bin Claudia Hoffmann, aber sag bitte Claudia, nicht Frau Hoffmann, sonst fühle ich mich so alt.“
„Alles klar. Claudia.“
„Herzlich Willkommen in der Nachbarschaft!“
„Danke. Wie ist es hier denn so?“
„Wie überall nehme ich an. Es gibt nette Leute, einige grüßen bloß, andere gar nicht, wieder andere lassen einen einfach nicht gehen, weil sie ihre Worte loswerden wollen und wieder andere fragen einen aus oder meckern bloß rum. Alles wie überall. Bloß Kinder gibt’s hier nicht so viele, aber das macht Ellie nicht so viel aus mit ihrer regen Fantasie. Stimmts, Schatz?“
„Ja stimmt, aber du hast das wichtigste vergessen: Diese Nachbarschaft ist nicht normal, sondern hier gibt’s was ganz Besonderes!“
„Ach Ellie, nicht das schon wieder!“
„Doch Mama, es stimmt aber! Er kann das wirklich! Ich hab es selbst gesehen!“
„Ähm, was denn?“, fragt Ben irritiert nach, denn er hat keinen Schimmer, worüber die beiden eigentlich reden und während die Mutter noch die Augen verdreht, platzt es aus Ellie vor Begeisterung nur so heraus: „In Haus 13 wohnt ein Zauberer!“
„Ellie…“
„Doch Mama, das stimmt. Ich weiß, du glaubst das nicht. Aber ich weiß das!“, verteidigt sie sich, stampft fest auf den Boden und verschränkt die Arme vor der Brust, während Ben die Mutter fragend anschaut und diese mit einem Schulterzucken reagiert: „Willkommen in der Nachbarschaft!“
„Danke! Das war ja ein interessanter Auftakt. Dann werde ich mal weiterziehen und mich noch bei anderen vorstellen. Danke für die freundliche Begrüßung, Ellie!“
„Wo gehst du denn jetzt hin, um dich vorzustellen?“
„Du hast mich neugierig gemacht. Ich glaube, ich gehe mal direkt rüber zu Haus 13.“
Das Strahlen kehrt in Ellies Gesicht zurück und begeistert meint sie: „Ja, mach das, du wirst schon sehen. Er ist wirklich ein Zauberer!“
„Danke für den Tipp!“
„Gerne!“
Mit einem Augenzwinkern zur Mutter wendet Ben sich um und nimmt einen großen Schluck aus seiner Tasse. „Na, das war ja ein spannender Auftakt. Was ein süßes und begeisterungsfähiges Mädchen. Dann stelle ich mich mal bei diesem „Zauberer“ vor. Mal sehen, wie sie darauf kommt.“

