Kapitel 7 – Ein Abend ohne Schatten
Immer noch etwas betäubt vom Lesen des Briefes steht Ben mit seinem Weinglas vor dem Tiefkühlfach und fingert sich geistesabwesend zwei Eiswürfel aus dem Eisbehälter und lässt sie in sein Weinglas fallen. Er greift sich die angebrochene Flasche aus dem Kühlschrank, schenkt sich großzügig seinen Lieblingsweißwein ein und macht sich auf den Weg zurück in sein Büro, wo er sich mit dem Rücken zu seiner Magnetwand aufstellt und gedankenverloren in seinen Garten starrt, während er einen großen Schluck Wein zu sich nimmt.
Einige Minuten vergehen und in Bens Kopf tobt ein Gewitter aus unterschiedlichsten Gedanken, die vielfältige Gefühle auslösen und Ben ziemlich ratlos herumstehen lassen. Er bemerkt erst, dass schon eine Viertelstunde um ist, als er wieder einen Schluck Wein trinken will und das Glas leer ist. Er seufzt einmal laut und überlegt, wie es gelingen kann, seine Gedanken zu ordnen:
„In der Regel hilft mir ja Bewegung. Also sollte ich mich wohl auf den Weg machen und frische Luft in meine Lungen kriegen, vielleicht bleibt davon ja auch was in meinem Kopf hängen und verschafft mir etwas mehr Klarheit.“
Er schnappt sich seine Sneaker, eine Cap und die Schlüssel und beschließt vor der Haustür, sich in die entgegengesetzte Richtung von Haus Nummer 13 zu bewegen, um zu verhindern, dass er heute nochmal mit Herrn Margow konfrontiert wird.
Als er an der Trauerweide vorbeikommt und in die weiten Felder hinter der letzten Hausreihe kommt, erschließt sich ihm ein wundervoller Anblick eines frühen Sommerabends, an dem die Sonne schon halb gesunken ist und den Horizont küsst, während ein lauer Wind durch die Felder streift und einen Hauch von Getreide durch die Gegend weht. Ben überlegt kurz, diesen Moment zu fotografieren, sieht dann aber davon ab, weil er ihn einfach nur genießen will. Er bleibt stehen, schließt die Augen, atmet tief ein und aus, wiederholt das einige Male und erreicht so tatsächlich, dass sich sein Kopf ein wenig beruhigt und er langsam aber sicher wieder klare Gedanken fassen kann.
Als er die Augen wieder öffnet und er sich weiter in die Felder schlagen will, bemerkt er aus den Augenwinkeln eine Bewegung und meint in einiger Entfernung schließlich Heinz Schanz zu erkennen, der ebenfalls durch die Felder spaziert und dabei von einem seltsam vertrauten schwarzen Hund begleitet wird.
„Das kann doch nicht…“, setzt Ben an und unterbricht sich direkt wieder selbst, „das kann nicht Heinz sein, ich muss mich irren. Ich bin schon ganz durch von diesem Tag. Ich gehe am besten einfach weiter und versuche an nichts zu denken.“
Ben steckt sich seine Cap in die Hosentasche, um mehr von der Sonne genießen zu können und lässt sich in den Klang des Windes in den Weizenfeldern fallen und schafft es so, nach und nach wieder ganz ruhig zu werden und seine Gedanken zumindest für einige Minuten zum Schweigen zu bringen. Seine gerade gewonnene Ruhe wird jäh von einem einzelnen, sehr klaren Gedanken unterbrochen:
„Wieso eigentlich die Sonnenblumen? Wieso ausgerechnet Sonnenblumen auf dem Briefpapier? Wieso nicht irgendeine andere Blume? Oder bloß Ornamentpapier? Stattdessen Sonnenblumen. Ich recherchiere das jetzt.“
Ben nimmt sein Smartphone aus der Tasche und sucht nach der Bedeutung von Sonnenblumen. Eine einschlägige Seite spuckt auch schnell eine Antwort aus: „Sonnenblumen sind der Inbegriff von sommerlich guter Laune und der Freue an der Natur und am Leben. Als Geschenk für Freunde und Familie strahlen Sonnenblumen Leichtigkeit, Glück und Wärme aus.“
„Das kann doch alles kein Zufall sein. Das passt ja perfekt zu Herrn Margow. Jetzt ist bloß die Frage, ob er damit etwas über sich aussagen will, ob das ein Hinweis ist oder ob es dabei auch um die Zauberei geht. Aber vielleicht hat der alte Mann Recht: Vielleicht verfolge ich tatsächlich den falschen Ansatz. Meine geliebte Magnetwand mit meinem geschätzten strukturierten Ansatz hat mich wirklich noch nicht weitergebracht. Vielleicht versuche ich es mal damit, zu verstehen und nicht beweisen zu wollen, so wie er es sagt. Denn es stimmt ja: Ich bin voreingenommen an das Thema herangegangen. Vielleicht sollte ich meine Beobachtungen mal unter diesem Gesichtspunkt völlig neu sortieren. Dass er es die ganze Zeit wusste und auch meine Finte mit dem Brief so einfach durchschaut hat, zeigt auf jeden Fall, dass ich meine bisherige Vorgehensweise in die Tonne treten kann. Trotzdem ist es ziemlich schmerzhaft, sich als Vollprofi plötzlich wieder wie ein blutiger Anfänger zu fühlen.“
Er beschließt, auf einem kurzen Umweg zurück nach Hause zu gehen und versucht immer wieder, diesen schönen Abend auf sich wirken und in sich hineinzulassen, um wieder zu der Ruhe von eben zurückzufinden, aber es will nicht mehr so richtig gelingen, weil sich in ihm das Gefühl festgesetzt hat, ein Versager zu sein.
Als er schließlich an eine Weggabelung kommt und überlegt, ob er noch eine Schleife drehen oder den kürzesten Weg nach Hause einschlagen soll, sieht er aus der dritten Richtung Herrn Margow langsam auf sich zu spazieren. Ben beschließt, einfach einen Moment stehenzubleiben und abzuwarten, was dieser Tag noch so bereithält, auch wenn er zugeben muss, dass er für diesen Tag eigentlich genug von dem ganzen Thema hat.
Als Herr Margow näher und näher herankommt, wird Ben zunehmend unruhiger und kann sich nicht so richtig erklären, woran das liegen mag:
„Es kann einfach an diesem Tag liegen, das wäre nur allzu verständlich, aber das müsste sich dann anders anfühlen, mehr nach Nervosität oder etwas in der Richtung. Aber ich bin richtig beunruhigt, so wie wenn etwas nicht so ist wie es sein sollte, fast wie bei einer schlimmen Vorahnung.“
Intensiv schaut Ben sich um und erstarrt plötzlich zu einer Säule:
„Wo ist sein Schatten? Er hat keinen Schatten! Das kann doch gar nicht sein!“
„Guten Abend, lieber Ben, ein herrliches Wetter, nicht wahr?“, reißt der Zauberer Ben aus seiner Starre und zwingt ihn so, sich wieder einzukriegen, was aber nur halb gelingt, weshalb er sprechend vor sich hin stolpert:
„Ja, ja, schon, sehr schön. Die Sonne und alles. Schön. Toll.“
„Ich sehe, du bist auch überwältigt vom Spiel von Licht und Schatten. Ich auch. Das fasziniert mich immer wieder.“
„Ja, ja. Schatten. Genau. Apropos Schatten. Sie haben keinen.“
„Ja, und?“
„Man kann nicht keinen Schatten haben.“
„Doch, natürlich. Mein Schatten war müde und wollte nicht mehr raus. Da bin ich halt alleine gegangen.“

