Der neue Nachbar – Teil 3
Kaum fällt die Haustür hinter Ben zu, bleibt er wie angewurzelt stehen, starrt in den Spiegel der Garderobe und fragt sein Gegenüber, seine Gedanken wiederholend, laut: „Was zur Hölle war denn das?!“ Der Spiegelben zuckt mit den Schultern und lässt diese dann ratlos fallen, was den richtigen Ben zu einem schnippischen Kommentar veranlasst: „Na, du bist ja auch ne richtig große Hilfe!“ und ihn dazu bringt, sich abzuwenden und aufs Sofa zu setzen, bloß um dann wieder aufzustehen und sich zu seinem Weinregal zu begeben.
„Ich trinke jetzt erstmal einen Schluck Wein und versuche, das Erlebte zu ordnen und nicht mehr so fassungslos und baff zu sein. Ich bin schließlich Profi, da sollte mich Außergewöhnliches eigentlich nicht so sehr aus der Bahn werfen. Aber es war schon ein ziemlich abgefahrenes Erlebnis, das muss ich zugeben. Also, welcher Wein darfs denn sein?“
Ben geht die einzelnen Flaschen durch und entscheidet sich schließlich für einen trockenen Weißwein, geht herüber zum Wohnzimmerschrank, um sich sein Lieblingsglas zu nehmen und etwas von dem leicht goldenen Getränk einzuschenken. Mit seinem Glas wandert er durch das Haus hin zu seinem Büro und starrt in den Garten, den Blick jedoch ins Nichts gerichtet und langsam einen Schluck Wein trinkend, geht er die Eindrücke dieser beiden Begegnungen vor seinem inneren Auge systematisch durch:
„Gut, fangen wir an. Ellie ist also von Herrn Margow begeistert und glaubt wirklich, dass er ein Zauberer ist. Kein Wunder, denn sie ist erstens noch jung und darf noch an Magie glauben und zweitens hat sie viel Fantasie und ist neugierig. Da kann man schonmal Dinge so verstehen, dass sie magisch sind, obwohl es eigentlich eine ganz natürliche Erklärung dafür gibt.
Ihre Mutter ist jedenfalls nicht davon überzeugt und glaubt offensichtlich nicht daran, dass das stimmt. Sie hält ihn wohl einfach bloß für einen alten, netten Mann, der gerne so tut als sei er Zauberer. Vielleicht mag sie auch, dass er die Vorstellungskraft ihrer Tochter anregt und für ein wenig Abwechslung und Abenteuer sorgt, wenn es ohnehin so wenig Kinder in der Umgebung gibt.
Jedenfalls ist es kein Wunder, dass Ellie glaubt, Herr Margow sei Zauberer. Er tut sehr viel dafür, genau diesen Eindruck zu erzeugen. Da wäre die Gestaltung seines Gartens mit den ganzen geheimnisvollen Gegenständen und allein das Aussehen des Hauses könnte einen schon auf die Idee kommen lassen, dass hier ein Zauberer wohnt. Aber besonders er selbst suggeriert diesen Gedanken schon beim einfachen Anblick mit seiner extrem ausgefallenen Kleidung, dem etwas zu großen Hut, der wohl ein Zaubererhut sein soll und seinem edlen Gehstock, der wohl einen Zauberstab darstellen soll. Dass Ellie also auf den Gedanken kommt, der alte Mann könnte ein Zauberer sein, ist kein Wunder, denn alles an ihm schreit ja förmlich hinaus: „Hey, ich bin ein Zauberer, guck mal!“
Aber: Ich könnte mich auch so anziehen, etwas abgehoben sprechen und mit ein wenig schauspielerischem Talent überzeugend so tun, als wäre ich ein Zauberer. Mich überzeugt die ganze Inszenierung nicht. Deshalb habe ich ja auch Deshalb habe ich ja auch nach einem Beweis gefragt.
Aber seien wir mal ehrlich: Erst erzählt er mir, dass er heute nur noch „kleine Zauber“ könne? Was soll das denn heißen? Dass er früher mal große Zauber konnte? Was sind denn große Zauber? Klingt für mich nach einer Ausrede, dass seine kleinen Kunststückchen eigentlich keine Magie sind, sondern bloß gut gemachter Schwindel oder tolle Tricks. Andererseits: Wenn wir einmal annehmen, dass es so etwas wie Magie tatsächlich gäbe, dann könnte es sein. Da es sie aber nicht gibt, muss er lügen. Das ist jedenfalls alles sehr merkwürdig. Wieso sagt er überhaupt, dass er nur noch kleine Zauber kann? Wenn er es nicht gesagt hätte, würde ich vielleicht nicht so stark zweifeln. Vielleicht will er genau das? Verunsicherung schaffen? Beginnt mit diesem Satz der Trick, damit man darüber nachdenkt und nicht aufpasst, wie er den Trick vorbereitet?
So komme ich nicht weiter, das ist alles viel zu spekulativ.
Also komme ich zum Trick. Der Vogel könnte natürlich dressiert sein, jeder Falkner kann so etwas. Er hat das mit dem Vogel einfach oft genug geübt und der Vogel reagiert dann auf sein Zeichen und fliegt die vorbestimmte Route ab und fertig. Es kam mir aber so vor, als hätte der Vogel den Worten von Herrn Margow zugestimmt und wäre sogar irgendwie… fröhlich gewesen. Das kann aber natürlich auch einstudiert sein.
Vielleicht war es aber auch einfach Zufall. Herr Margow hat gesehen, dass der Vogel sich darauf vorbereitet, zu fliegen und hat vielleicht oft genug Vögel oder diesen Vogel beobachtet, wie er von dieser einen Stelle zu der anderen fliegt und hat einfach ein gutes Timing.
Oder aber – setzen wir mal wieder voraus, es gäbe Magie – es könnte tatsächlich sein, dass er mit Tieren sprechen kann. Das erscheint mir unsinnig, aber ich kann auch bei allen Zweifeln und anderen Erklärungsansätzen nicht zu 100% ausschließen, dass er es nicht vielleicht doch kann.
Ok, ich sehe ein, ich drehe mich im Kreis. So komme ich nicht voran und so werde ich es bestimmt nicht herausfinden. Ich schreibe meine Gedanken auf und werde diesem Fall nachgehen. Jetzt will ich es wissen: Ist dieser Mann ein Zauberer? Gibt es Magie?
Ben setzt sich an seinen Schreibtisch und notiert seine einzelnen Gedanken auf je ein kleines Blatt Papier, so wie er es immer macht, wenn er versuchen will, Dinge zu verstehen und für eine gute Reportage zu ordnen. Nach und nach füllen sich die Zettel und leert sich seine Flasche Wein. Schließlich geht er mit seinen Notizen zu seiner wandgroßen Magnetwand und beginnt sie anzuordnen und umzusortieren, bis ein erstes Gerüst steht. In der Mitte hängt noch ein leeres Blatt Papier und mit seinem Weinglas in der Hand steht er sinnierend davor und fragt sich, wie sein neuestes Projekt heißen soll. Er lässt den Blick durch sein Büro schweifen und erst jetzt fällt ihm auf, dass es draußen längst dunkel geworden ist und dass er einige Stunden so konzentriert gearbeitet hat, dass er die Welt um sich herum vollkommen vergessen hat. Sein Blick streift die beleuchtete Wand seiner Garage und ihm fällt seine eigene Hausnummer 15 auf, was ihn auf eine spontane Idee bringt. Er dreht sich zu seiner Wand um, nimmt einen Stift und schreibt auf das leere Blatt den Titel: „Der Zauberer aus Haus 13.“
Zufrieden nickt er seiner Überschrift zu, leert sein Weinglas und murmelt schließlich vor sich hin: „Es kann losgehen.“

