Kapitel 3 – Das singende Paket – Teil 1
Ein paar Tage nach den Ereignissen rund um den Gartenzwerg steht Ben vor seiner Magnetwand und versucht, seine Notizen und Gedanken ein wenig besser zu sortieren, denn gerade heute Morgen hat er in einem erneuten Gespräch mit Konny erfahren, dass ihr Zwerg tatsächlich wie von Zauberhand wieder in ihrem Garten aufgetaucht ist.
„Das ist doch alles ziemlich merkwürdig. Alles wirkt so, als wäre Herr Margow ein Hochstapler, der sich gut zu inszenieren weiß. Aber es wirkt gleichzeitig auch so, als wäre er tatsächlich das, was er vorgibt. Das ist im Kopf ziemlich schwer auszuhalten, dass beides irgendwie gleichzeitig möglich ist. Immerhin ist das hier ja keine Quantentheorie. Puh. Mir fehlen einfach Informationen und Daten. Ich muss noch weitersuchen und weiterarbeiten. Pause. Also. Gehen wir es mal wieder systematisch an. Die Sache mit dem Zwerg ist relativ einfach: Jemand hat den Zwerg in der Nacht genommen, in den Baum gesetzt und eine Nacht später wieder zurückgebracht und Herr Margow hat einfach die Gelegenheit genutzt, um eine von seinen kruden Erklärungen abzugeben. Er hat den Elfmeter gesehen und lässig verwandelt. So weit, so einfach. Stutzig machen mich zwei Dinge: Ellie hat erzählt, sie hat den Zwerg verfolgt, also muss sie ihn an mehreren Stellen gesehen haben – am Tag. Vermutlich hat sie sich das aber einfach ausgedacht und eine schöne Geschichte gespielt. Ist ja nichts Schlimmes dabei. Stutziger macht mich eher, dass es am Baum keinerlei Kletterspuren gibt. Ich war vorgestern vor Ort und habe mir den Baum genau angesehen, konnte aber nichts entdecken. Wenn ein Kind oder ein Erwachsener ihn in den Baum gestellt haben sollte, müssten aber Kletterspuren zu sehen sein. Also war der Zwerg wahrscheinlich gar nicht in dem Baum und Ellie hat sich auch das ausgedacht. Oder so ein Zwerg hinterlässt beim Klettern keine Spuren, weil er so leicht ist“, spielt Ben alles im Kopf durch und erschrickt plötzlich über seine eigenen Gedanken,„ach, was rede ich denn da?! Ich klinge ja schon selbst wie der alte Mann. Ok, gut, dieser Fall klingt eher danach, dass der Zwerg bloß weggenommen und wieder hingestellt wurde und dass der Rest dazu erfunden ist. Es ist zwar nicht abschließend sicher, aber doch sehr wahrscheinlich, dass hier keine Magie im Spiel ist.“
Zufrieden mit seinen Schlussfolgerungen lehnt Ben sich mit seiner Kaffeetasse an seinen Schreibtisch und schaut seine große Wand nochmal an, bevor er sich umwendet und sich gerade in seinen Schreibtischstuhl fallen lassen will, als ihn jäh die Klingel der Haustür unterbricht.
Er eilt zur Tür und begrüßt seinen sehnlichst erwarteten Postboten: „Ach Mensch, dich habe ich schon erwartet!“
„Guten Morgen, Ben! Ich habe hier ein Paket für dich. Und kannst du bitte auch diese Pakete für Haus 13 annehmen? Er ist gerade nicht zu Hause.“
„Na klar, kein Thema.“
„Puh, danke. Ich muss ja zugeben, dass ich ganz froh, da nicht nochmal hinzumüssen. Ich gehe nicht gerne zu dem Haus und dem alten Mann, weißt du.“
Da Bens Interesse sofort erwacht, will er die Gelegenheit nicht verstreichen lassen: „Was, wieso nicht?“
„Irgendwie…macht mir das Haus Angst und den Mann finde ich gruselig.“
„Kannst du mir das näher erklären?“
„Also diese ganzen Gegenstände im Garten sind doch echt gruselig, als wären sie irgendwie aus einer anderen Welt oder aus einer vergessenen Zeit. Das ist unheimlich. Andere Leute wie Konny haben wenigstens Gartenzwerge vor ihrer Tür oder einen Fahnenmast oder haben sogar noch Nutzgarten. Aber er hat diese mystischen Dinger da rum stehen als wären sie für irgendwas gut, nur weiß niemand, für was sie gut sein sollen. Vielleicht nicht mal Herr Margow selbst. Und der ist erst recht gruselig. Wenn er zu Hause ist, ist er immer blitzschnell an der Tür und immer so perfekt gekleidet. Der muss doch auch mal einen Bademantel oder Schlappen anhaben, wenn er daheim ist. Niemand rennt immer mit Schuhen und so gut gekleidet durch das eigene Haus. Und niemand ist innerhalb von wenigen Sekunden an der Tür. Das passt alles nicht zusammen. Und dann redet er auch noch so komisch und wirkt dabei auch wieder so, als wäre er selbst auch aus einer anderen Welt oder wüsste Dinge, die nur er weiß. Das alles ist echt unheimlich. Und das ist nicht mal alles…“, erklärt der Postbote ausführlich und unterbricht sich nur, um einmal tief Luft zu holen, was Ben die Gelegenheit gibt, seine Gedanken ein wenig zu sortieren.
„Wieso bin ich eigentlich noch nicht von selbst auf die Idee gekommen, den Postboten zu fragen? Natürlich bekommt der sehr viel von Herrn Margow mit und diese Informationen sind ja mal höchst spannend, auch wenn ich dem Herrn durchaus zutraue, auch im eigenen Haus immer so herumzulaufen. Naja, ich bin mal gespannt, was da noch so kommt.“
Um den Gesprächsfaden gar nicht erst abreißen zu lassen, hakt Ben direkt nach: „Das klingt ja alles mega spannend, aber was kann denn da noch kommen?“, was den Postboten animiert, fortzufahren:
„Also erstens bekommt er total merkwürdige Briefe! Ok, er bekommt auch mal ne Rechnung oder Briefe von Behörden und so, so wie wir alle. Aber er bekommt fast jeden Tag mindestens einen handgeschriebenen Brief auf wirklich edlem Papier und mit echt tollen Umschlägen. Eigentlich finde ich sowas ja ganz toll, aber in der Anzahl macht es mich wirklich stutzig. Wer schreibt denn heute noch so viele Briefe per Hand?! Das machen doch mittlerweile KIs!“
„Wenn ich mal kurz nachfragen darf,“ unterbricht Ben den Postboten, „hast du heute zufällig auch so einen Brief für ihn gehabt?“
„Ja, heute hat er auch einen bekommen. Ich kann ihn dir aber leider nicht zeigen, die Briefe habe ich in seinen Briefkasten geworfen“, schließt er geknickt.
„Aber kannst du mir vielleicht die Tage mal ein Foto von so einem Brief schicken?“, hakt Ben nach, „ich würde mir das zu gerne mal ansehen.“
„Ja, klar, kein Problem.“
Nachdem Ben und der Postbote ihre Nummern getauscht haben, will Ben noch mehr wissen: „Du hast eben erstens gesagt. Was ist denn zweitens?“
Die Augen des Postboten leuchten einmal stark auf und er erzählt aufgeregt weiter:
„Das zweitens sind die Pakete, die er bekommt. Die sind echt irre. Er bestellt häufig Kaffee und Tee und ich habe noch nie Kaffee und Tee ausgeliefert, der so intensiv roch. Irgendwas ist bei seinen Paketen anders als bei denen anderer Leute. Einmal hatte ich den Eindruck, dass eines der Pakete zu meiner Musik im Auto tanzt und es hat sich sogar an die Musikrichtung angepasst. Aber wenn ich es dann angeguckt habe, war es ganz normal. Irre, oder?“

