Kapitel 3 – Das singende Paket – Teil 2
Nachdem er alle Pakete seines Nachbarn aus Haus 13 angenommen hatte, machte er sich nun endlich daran, an seinem Schreibtisch sein eigenes Paket zu öffnen und den Inhalt nach und nach auszupacken. Er hatte jetzt mehrere Tage darauf gewartet und freute sich wie ein Kleinkind über sein neuestes technisches Spielzeug: Seine neue Spielekonsole mit reichlich Zubehör. Er hatte monatelang hin und her überlegt, Tests und Vergleiche gelesen, mit Händlern gesprochen und sich schließlich doch für sein Bauchgefühl entschieden und die etwas „unbeliebtere“ Konsole gekauft.
Als schließlich alle Teile vor ihm auf den Tisch liegen, bestaunt er nochmal seine Controller, die Ladestationen, das Headset und natürlich die Konsole selbst. Während sämtliches Verpackungsmaterial nach und nach im Mülleimer landet, überlegt er noch, ob er die Konsole nicht doch an seinen PC-Bildschirm anschließen soll, entscheidet sich dann aber doch für den Fernseher, weil er ohnehin genug Zeit am Schreibtisch verbringt und macht sich sodann direkt daran, alles anzuschließen, um es schnellstens zu testen. Kaum ist die Konsole eingeschaltet und Ben hat seine Login-Daten für seinen Gaming-Account eingegeben, erscheint auch schon die Nachricht: „Wir bereiten alles für dich vor. Schalte die Konsole nicht aus.“
Ben verdreht die Augen: „Natürlich. Updates. Das war ja zu erwarten. Also wird das jetzt erstmal nichts mit der Zockerei, dann kann ich ja genauso gut weiter über meinen aktuellen Fall nachdenken und die neuesten Informationen an meiner Wand einarbeiten. Aber erstmal: Kaffee.“
Zurück im Arbeitszimmer, mit einem dampfenden Kaffee in der Hand, geht Ben das vom Postboten Gehörte noch einmal im Kopf durch, während er parallel Notizzettel schreibt und diese an seiner Wand anbringt:
„Also mein Postbote fühlt sich unwohl, wenn er zu Haus 13 muss. Ok. Die meisten Dinge, die er geäußert hat, sind aber bloßes persönliches Empfinden und persönliche Interpretation und daraus kann ich wirklich nicht viel ableiten. Ja, die Gegenstände im Garten von Haus 13 sind merkwürdig und der Alte verhält sich komisch und spricht hochgestochen, aber daraus kann man beim besten Willen keine allzu hilfreichen neuen Schlüsse ziehen. Spannend sind eigentlich bloß die Briefe und die Pakete. Solch einen Brief würde ich wirklich zu gerne mal in der Hand halten. Ich bekomme zwar ein Foto, aber das hilft mir eigentlich nicht so richtig weiter. Vielleicht schreibe ich einfach selber einen ansprechenden Brief an ihn und wenn ich eine Antwort bekomme, dann kann ich den Brief näher untersuchen? Jap, das ist eine gute Idee! Das erledige ich mal di…“
Bens Gedanken verstummen unvermittelt, denn er hört plötzlich ein leises, wunderschönes Geräusch, kann sich aber beim besten Willen nicht vorstellen, woher es kommt oder was es ist und macht sich sofort auf die Suche nach der Quelle des Geräuschs. Er durchstreift jeden Raum und vermutet eine Art Vogel irgendwo direkt am oder sogar im Haus, kann aber keinerlei Zeichen dafür erkennen. Schließlich schießt ihm ein abwegiger Gedanke in den Kopf: „Das wird doch wohl nicht eins dieser…“ und er macht sich zielstrebig auf den Weg zu seiner Haustür, wo immer noch die Pakete seines Nachbarn liegen und während er näherkommt, meint er immer deutlicher einen wunderschönen Gesang zu erkennen, der genau in dem Moment verstummt, in dem er die Pakete erblickt. Irritiert wendet Ben sich ab, in der Erwartung, der Gesang kehre wieder, wenn er sich entfernt, aber das passiert nicht. Auch als er einige Schritte zurückweicht und wieder in die Küche geht, kehrt das Geräusch nicht zurück. Immer noch verwundert, perplex und doch irgendwie hoffend, dass er den schönen Gesang noch einmal hören kann, setzt er sich wieder an seinen Schreibtisch und lehnt seinen Kopf auf seinen Arm, um dieses Erlebnis erstmal sacken zu lassen.
„Was zur Hölle war denn das?! Ich wollte die Geschichte des Postboten zu den Paketen eigentlich abtun. Ja, dann riechen Kaffee und Tee halt intensiver als bei anderen Paketen. Vielleicht bestellt der alte Mann einfach intensiveren Kaffee und Tee oder er ist nicht so gut verpackt. Und das mit dem tanzenden Paket…naja, das Paket liegt in einem Auto und die Musik bei diesem speziellen Postboten ist immer sehr laut, also wird es einfach gewackelt haben und der Postbote hat seine Beobachtungen aus dem Augenwinkel halt falsch interpretiert. Aber mein Erlebnis gerade bringt mich dazu, zu denken, dass da vielleicht doch etwas dran sein könnte. Das Geräusch kam ganz eindeutig von dort, wo die Pakete liegen. Kein Zweifel. Und die Beobachtung des Postboten, dass Blickkontakt die Aktion unterbricht, konnte ich ja auch machen. Und ich muss mir wirklich eingestehen, dass ich noch nie so schönen Gesang gehört habe. Ich bin mir aber trotzdem ziemlich sicher, dass es dafür auch eine natürliche Erklärung gibt. Ich werde Herrn Margow fragen, wenn er seine Pakete holen kommt. Jetzt schreibe ich erstmal meine neuen Informationen auf die Wand und dann diesen Brief.“
Auf kleinen Notizzetteln macht Ben sich wie gewohnt seine Stichpunkte und sortiert sie mit kleinen Magneten an seiner Wand ein, um danach sein altes Briefpapier heraus zu kramen und sich an das Schreiben des Briefes zu machen, womit er aber wieder nicht weit kommt, denn mitten im zweiten Satz klingelt es erneut an der Tür und Ben macht sich schnellstens auf den Weg.
Hinter der Tür wartet tatsächlich geduldig Herr Margow und begrüßt Ben mit einem freundlichen und warmen Lächeln: „Hallo lieber Ben, du warst so freundlich, meine Pakete anzunehmen. Hab herzlichen Dank dafür. Ich würde sie dann jetzt gerne mitnehmen.“
„Hallo Herr Nachbar, natürlich nehme ich Ihre Pakete an, das mache ich doch gern“, begrüßt Ben Herrn Margow, während er ihm nach und nach seine Pakete überreicht, wobei ihm auffällt, dass eines der Pakete erstaunlich warm ist und er runzelt darüber sofort die Stirn, was Herrn Margow zu einer Bemerkung veranlasst: „Ein wirklich hübsches Paket, nicht wahr?“
„Ja, schon, aber so warm. Das ist ja merkwürdig“, entgegnet Ben zweifelnd, was der Zauberer mit einer weiteren Bemerkung wegwischt: „Ach, wo. Das Paket freut sich bloß, endlich ausgepackt zu werden. Es war sehr lange unterwegs, weißt du, und hatte eine anstrenge Reise, immer so eingepfercht in dieser Pappe. Das ist Vorfreude, endlich wieder frei zu sein.“
Ben kann mit dieser Erklärung herzlich wenig anfangen und beschließt, es dabei zu belassen und nach dem Gesang zu fragen: „Ich hatte gerade eben noch ein merkwürdiges Erlebnis: Aus einem Ihrer Pakete schien mir Gesang zu kommen, aber als ich das überprüfen wollte, verstummte der Gesang.“
„Was ist daran denn merkwürdig? Wieso sollten nur Menschen singen? Die Welt ist so schön, darüber kann doch praktisch alles singen.“

