Kapitel 4 – Das zerbrochene Spielzeug – Teil 1
Ben hat die vergangenen Tage damit zugebracht, alle Informationen von seinem Postboten und seinen eigenen Erlebnissen mit den Paketen auf seiner Magnetwand unterzubringen und weiter zu systematisieren, aber so oft er sich auch mit der Frage beschäftigt, was es mit diesem alten Mann genau auf sich hat, so oft stößt er mittlerweile an seine Grenzen.
„Ich bin jetzt alles zigmal durchgegangen, aber es will sich einfach keine Richtung abzeichnen. Ich finde keine eindeutigen Beweise für eine Täuschung und auch keine für das Gegenteil. Alles bleibt irgendwie so schwammig. Das nervt mich. Und die Situation mit den Paketen hat es auch nicht besser gemacht. Jetzt habe ich selbst etwas erlebt, das ich nicht so richtig einordnen kann und wofür es mir auch schwerfällt, rationale Erklärungen zu finden. Natürlich kann er die Pakete entsprechend präpariert haben: Ein kleines Heizkissen für das eine Paket und einen Minilautsprecher mit Musik für das andere und dann hat er alles per Fernauslöser aktiviert, um mich zu überzeugen, dass er wirklich das ist, was er behauptet. Allein: Dafür müsste er sich die Pakete selbst zugeschickt haben. Und das klingt dann doch recht albern. Wobei andererseits vielen Selbstdarstellern ja keine Mühe zu groß ist, um das Bild von sich zu erzeugen, das sie haben wollen.“
Ben lehnt sich entnervt an die Vorderseite seines Schreibtisches und schaut aus dem Fenster in seinen kleinen Garten. Ein Vogel landet auf dem Gartenzaun und stößt einige Rufe aus, die Ben wegen der geschlossenen Fenster nicht hören kann und dabei kommt ihm etwas in den Sinn:
„Ich komme so nicht weiter. Und ich könnte mich auch mal wieder ein wenig bewegen und frische Luft gebrauchen. Vielleicht hilft ein kleiner Spaziergang auch dabei, den Kopf frei zu kriegen und auf neue Ideen zu kommen.“
Ein paar Minuten später steht Ben vor seiner Haustür und beschließt, nicht am Haus von Herrn Margow vorbeizugehen und damit doch bloß wieder auf dieselben Gedanken zu kommen, sondern den Weg in die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, an der Trauerweide vorbei und bei dem milden Wetter durch die weiten Felder dahinter zu spazieren.
Die Straßen sind erstaunlich leer, denn sonst ist eigentlich immer irgendjemand mit seinem Hund unterwegs und Ben freut sich, dass er einfach ein wenig gehen kann, ohne gleich wieder jemanden grüßen oder sich mit jemandem unterhalten zu müssen. An der Trauerweide angekommen hält er einen Moment inne und betrachtet diesen stattlichen Baum, der hier seit mittlerweile 80 Jahren steht und die gesamte Umgebung mit seinen ausladenden Ästen und Blättern dominiert. Wohl auch deshalb hat man irgendwann rund um den Baum einen kleinen Park angelegt mit Sitzmöglichkeiten, einer Schaukel und einer Rutsche sowie einem kleinen Trinkbrunnen, auf dem paradoxerweise ein Schild mit der Aufschrift „kein Trinkwasser“ angebracht ist. Während Ben über diese Unsinnigkeit den Kopf schüttelt, betätigt er den Hahn und nichts passiert.
„Ein Trinkwasserbrunnen, der kein Trinkwasser enthält und dann auch nicht funktioniert? Das ist auf so vielen Ebenen bekloppt, das kann man sich gar nicht ausdenken.“
Trotz dieses mehrfachen Widerspruchs muss Ben zugeben, dass dieser kleine Park mit viel Liebe gestaltet ist und im Gegensatz zu vielen anderen Parks und Flächen außerordentlich sauber und gepflegt ist: „Wohl gerade deshalb, weil sich die Anwohner hier selbst die Hände schmutzig machen. Irgendetwas an diesem Baum scheint die Menschen hier so zu fesseln, dass sie selbst Hand anlegen und die Anlage pflegen. Schon erstaunlich. Und ich muss selbst auch zugeben, dass dieser Baum etwas geradezu Majestätisches hat. Wenn ich ein Zwerg wäre, würde ich mich auch in diesen Baum hocken, um die Aussicht zu genießen“, schmunzelt Ben in sich hinein und setzt seinen Weg fort.
Er kommt jedoch nicht weit, denn er läuft direkt um die Ecke Ellie und ihren Eltern in die Arme, die sehr angeregt miteinander diskutieren, während Ellie sich lautstark gegen ihre Eltern durchzusetzen versucht und unter Tränen meckert:
„Ich will aber kein neues Spielzeug! Ich will, dass meine Emma wieder heile ist!“
„Ellie, wir können dir doch eine neue Emma kaufen, diese hier ist nicht mehr zu retten,“ versucht ihr Vater, Max, sie zu beruhigen und zeigt ihr die Einzelteile ihrer Emma – einer bunt bemalten Holzpuppe, wovon sich seine Tochter aber nicht beeindrucken lässt:
„Ich will aber keine neue Emma, ich will meine Emma! Du reparierst doch sonst auch immer alles, dann mach meine Emma wieder heile!“
Ben kommt sich ein wenig wie ein stiller Beobachter einer Szene vor, die er eigentlich nicht sehen sollte und macht deshalb mit einem Räuspern auf sich aufmerksam:
„Ähm, hallo ihr Drei. Wo kommt ihr denn her und was ist passiert?“
Ellies Gesicht hellt sich ein wenig auf, als sie Ben bemerkt und sie sagt nun nur noch grummelig unter vielen Gesten: „Wir waren auf dem großen Spielplatz dahinten, dem mit dem Piratenschiff und ich habe mit meiner Emma gespielt, dass wir auf hoher See sind und Wellen haben. Und dann ist Emma leider über Bord gegangen und runtergefallen. Und dann war sie kaputt. Und ich will, dass sie repariert wird und Papa sagt aber, dass das nicht geht. Ich will aber keine neue Emma, ich will meine Emma“, schließt sie ihre Ausführungen bockig ab und verschränkt die Arme wieder eng vor der Brust.
Ben schaut ihre Eltern an, diese zucken nur mit den Schultern und machen einen wissenden, aber hilflosen Blick, denn sie kennen den starken Willen ihrer Tochter am besten und Ben schaut wieder zu Ellie:
„Darf ich denn die Teile deiner Emma mal sehen? Ich bin zwar nicht gut im Reparieren, aber vielleicht kommt mir ja eine Idee, was man machen kann.“
Plötzlich ganz begeistert wendet sich Ellie an ihren Vater: „Ja, Papa, lass Ben mal gucken!“
Als Ben die Einzelteile jedoch in der Hand hält, verschwindet sein Optimismus:
„Mist, da ist wirklich nichts zu machen. Ich würde sie auch wegwerfen und eine neue kaufen. Ohje…“
Während Ben noch überlegt, wie er Ellie die schlechte Nachricht beibringen soll, hat diese es durch seinen Gesichtsausdruck schon verstanden, reißt ihm die Einzelteile aus der Hand und macht sich schnurstracks auf den Weg die Straße hinunter:
„Wenn ihr mir nicht helfen wollt, dann gehe ich halt zum Zauberer! Der kann das bestimmt! Ihr werdet schon sehen! Ich kriege meine Emma zurück!“
Claudia versucht noch mit einem „Ellie, warte!“ ihre Tochter aufzuhalten, aber Ellie hat sich bereits so rasant in Bewegung gesetzt, dass allen anderen keine Wahl bleibt, als sich schleunigst an ihre Versen zu hängen und es gelingt ihnen erst, die kleine einzuholen, als sie sich bereits bis zur Haustür von Herrn Margow vorgearbeitet hat und den Türklopfer benutzt, woraufhin der alte Herr direkt die Tür öffnet:
„Ach, hallo, meine liebe Ellie, das ist ja eine schöne Überraschung!“
„Hallo Herr Margow, kannst du meine Puppe Emma wieder heile machen?“, platzt es aus Ellie heraus, während die drei anderen kurz durchatmen und Claudia sich für ihre Tochter entschuldigt: „Es tut mir Leid, Herr Margow, sie ist einfach so schnell hierher gerannt, wir konnten sie nicht aufhalten.“
Freundlich lächelnd schaut Herr Margow erst die drei an und fokussiert dann wieder Ellie: „Natürlich konntet ihr sie nicht aufhalten. Zeig mir mal die Teile deiner Puppe, kleine Ellie.“
Als diese ihm die Teile überreicht, murmelt er kurz vor sich hin und verkündet dann: „Ja, ich verstehe. Kein Problem. Morgen hast du deine Emma heile zurück.“

