Kapitel 10 – Ein letzter Zauber
An den folgenden Tagen nach seinem Gespräch mit Herrn Margow geht Ben seine Notizen an der Magnetwand durch, um den Versuch zu unternehmen, die eine Frage herauszuschälen, die ihm unter den Nägeln brennt. Er sortiert seine Notizzettel immer wieder neu und sortiert dabei fleißig aus, denn im Sichten bemerkt er, dass all seine Überlegungen und Mutmaßungen zur Frage, ob sein Nachbar nun ein Zauberer sei oder nicht, keinen weiteren Nutzen mehr für ihn haben.
„Leider bedeutet das aber auch, dass der Großteil meiner Notizen in den Papierkorb wandert und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich mir dabei so viel Mühe gegeben habe und dass es am Ende vollkommen umsonst war“, geht es ihm durch den Kopf und er lässt schließlich etwas ernüchtert die Schultern hängen, als er sieht, dass von seiner einst stattlichen Hinweissammlung bloß noch etwa ein Dutzend Zettel geblieben sind.
Er schaut sich diese Zettel noch einmal in Ruhe an und stellt schließlich fest, dass nur noch jene Notizen übriggeblieben sind, die reine Beschreibungen der angeblichen „Zauber“ sind, was ihn einigermaßen überrascht, denn so bewusst hatte er eigentlich gar nicht aussortiert. Als er sich die Beschreibungen genauer ansieht, fährt ihm wie ein Blitz ein Gedanke in den Kopf und er eilt zu seinem Schreibtisch, um den Brief wieder in die Hand zu nehmen, auf der Suche nach einem ganz konkreten Satz, den er bisher übersehen hat und er liest ihn sich selbst laut vor: „Du verwendest den Begriff des ‚Phänomens‘ und liegst dabei einerseits deutlich daneben und gleichzeitig beschreibt der Begriff doch sehr gut, worum es geht.“
Ben lässt sich vor Überraschung in seinen Stuhl fallen und ihm entfährt ein lautes „Ha!“, nur um anschließend den Kopf über seine eigene Beschränktheit zu schütteln:
„Ich hab das Thema die ganze Zeit aus der falschen Perspektive betrachtet! Ich wollte eine Schlagzeile und habe ein Problem vermutet, wo gar keins ist, statt neutral an die Sache heranzugehen und erstmal herauszufinden, worum es überhaupt geht! Anfängerfehler!“
Er steht auf, geht zu seiner Magnetwand, ergänzt seine Überschrift „Der Zauberer aus Haus 13“ um die simple Frage „Was ist Zauberei?“, tritt drei Schritte zurück und nickt zufrieden.
Als er sich gerade daran machen will, seine verbliebenen Notizen im Hinblick auf diese neue Frage zu sortieren, ertönt der Klang seiner Türklingel und er macht sich widerwillig auf den Weg, was er sofort bereut, als er sie öffnet, denn vor ihm steht eine in Tränen aufgelöste Ellie und er kniet sich vor ihr hin:
„Was ist denn los, Ellie? Ist was passiert?“
„I, ich hab meinen Hausschlüssel vergessen“, schluchzt sie drauflos, „und Mama und Papa sind arbeiten und die kommen erst spät wieder und ich kann nicht rein und weiß nicht, was ich jetzt machen soll!“
Mitleidend möchte Ben sie trösten und fragt sie deshalb: „Ist es ok, wenn ich dir eine Hand auf die Schulter lege?“, was Ellie mit einem Nicken bestätigt und sich unter der Berührung langsam beruhigt, wonach Ben fortfährt: „Wir finden schon eine Lösung, wie wir die Tür für dich auf bekommen, damit du nach Hause kannst. Und sollte das doch nicht klappen, dann warte ich mit dir, damit du nicht allein sein musst, ok?“
Ellie schluchzt noch einmal laut, zieht die Nase hoch und die beiden machen sich auf den Weg zu Ellies Haus, auf dem Ben sie darüber ausfragt, ob ihre Eltern bei Nachbarn oder in der Nähe des Hauses einen Ersatzschlüssel platziert hätten, was sie verneint. Von ihrer Unterhaltung bekommt aber die vorbeigehende Konny offenbar ein paar Gesprächsfetzen mit und misch sich sofort hysterisch ein:
„Ach herrje, wie schrecklich! Also sowas, da muss man vorsorgen. Kannst du denn nirgendwohin, du armes Kind? Also nein, das geht ja gar nicht, ich muss schon sagen! Jetzt sag doch auch mal was dazu, Ben!“
„Ich versuche, Ellie zu helfen, statt sie mit völlig unnötigen Vorwürfen noch mehr zu verunsichern“, entgegnet er etwas schnippisch und bemerkt gleichzeitig im Augenwinkel, wie sich eine männliche Gestalt nähert, die offenbar durch Konnys Stimme angelockt wurde und erwartet, Herrn Margow um die Ecke kommen zu sehen.
Alle sind vollkommen überrascht als unerwarteterweise Heinz auftaucht und alle Anwesen freundlich begrüßt:
„Hallo Ellie, hallo Ben, hallo Konny, ich habe dein Gemecker gehört. Was ist denn los? Kann ich helfen?“
Ben und Konny sind so verblüfft über die plötzliche freundliche Art von Heinz, dass sie kein Wort hervorbringen, was aber Ellies Chance ist, die ihm bereitwillig ihre Geschichte erzählt, der Heinz aufmerksam zuhört und immer wieder nickt. Als Ellie fertig ist, kündigt Heinz an, kurz zu verschwinden und wenige Minuten später wieder da zu sein. Während die drei noch ausdiskutieren, was Heinz wohl vorhaben könnte, ist dieser auch schon wieder mit einer kleinen Tasche voller Werkzeug aufgetaucht und unterbreitet Ellie einen Vorschlag:
„Weiß du, ich war früher von Beruf Schlosser und Sicherheitsberater. Ich kenne mich mit Türen und wie man sie aufkriegt, bestens aus. Ich kann dir die Tür ohne Schäden öffnen, wenn du magst. Soll ich?“
„Au ja, das wäre toll!“, strahlt Ellie über das ganze Gesicht und Heinz macht sich an die Arbeit, während alle gebannt zuschauen, ob er sein Versprechen auch halten kann. Mit einem zufriedenen „So!“ stößt Heinz keine zwei Minuten später die Tür auf, Ellie springt vor Freude in die Luft und umarmt ihren Retter in der Not.
„Hast du deine Rockie wieder?“, fragt sie ihn völlig unvermittelt, was ihm sofort die Tränen in die Augen treibt und seine Stimme belegt: „Ja, habe ich.“
„Siehst du, das habe ich gleich gewusst, dass das deine Rockie ist. Schön, dass du sie wieder hast. Ich mag dich so viel lieber“, begründet Ellie ihre Frage und mit immer noch belegter Stimme zwinkert Heinz ihr zu: „Ja, ich mich auch.“
Vor lauter Rührung weiß Ben nicht, wohin mit sich und schaut deshalb Konny an, die ebenfalls Tränen in den Augen hat und offenbar ausnahmsweise einmal nichts sagen kann.
„Das ist es also. Zauberei. Magie. Wunder. Wenn man es für möglich hält, dass etwas mich ändern kann. Dass etwas andere ändern kann. Wenn man sich berühren lassen kann. Wenn man daran glauben kann, dass es außerhalb der eigenen Vorstellung Dinge gibt, welche die Kraft haben, einen Menschen zu verwandeln. Die Welt wird ärmer, wenn es immer weniger Menschen gibt, die daran glauben und deshalb gibt es auch immer weniger Menschen, die so inspirierend sein können. So wie der Zauberer aus Haus 13.“

