Der Sonntagsfahrer – Besuch an der Tankstelle

„Ach Mist“, murmelt Bert in seinen kurzgehaltenen weißen Vollbart und verdreht entnervt die Augen beim Blick auf seine Tanknadel, die sich schon gefährlich nah am E befindet, „hätte ich doch bloß diese Woche mal getankt.“ Er überlegt kurz, wie weit er wohl mit dem restlichen Sprit noch kommt und atmet dann erleichtert aus: „Gut, ich schaffe es noch bis zu Gerd, also bloß kein Stress.“

Bert legt seinen linken Arm auf die Tür seines Autos, lehnt sich entspannt wieder in seinen Sitz und lässt den Blick über die weiten, goldenen Weizenfelder seiner Heimat schweifen und genießt die sonntägliche Sonne. Auf den Straßen ist nicht viel los und so kann er in aller Ruhe mit leicht reduziertem Tempo die schnurgerade Straße entlangfahren und den Geruch des Sommers einatmen. Die Halme wiegen leicht im Wind hin und her und Bert ist dankbar für dieses wunderschöne Bild.

Als er das Schild für die nächste Tankstelle entdeckt, reduziert er langsam das Tempo, setzt den Blinker und fährt schließlich auf den Hof seines Bekannten Gerd, der wie immer mit einem Schmutzlappen in der Hand dasteht und sich die Hände abwischt. Während Bert sich noch fragt, was genau Gerd in dieser ruhigen Gegend eigentlich immer zu basteln hat, sodass er sich ständig die Hände abwischen muss, parkt er sein Auto neben der Zapfsäule und stellt den Motor ab. Sein bekannter Tankwart kommt auf ihn zu und Bert freut sich, dass es noch so eine altmodische Tankstelle gibt, bei welcher der Tankwart noch selbst eine Werkstatt betreibt und sogar das Auffüllen des Tanks übernimmt.

„Grüß dich Bert“, streckt Gerd ihm die Hand entgegen, „bist wieder auf deiner wöchentlichen Runde unterwegs?“

„Hallo Gerd“, erwidert Bert den Händedruck erfreut, „aber natürlich, weißt du ja. Machst du einmal voll, bitte?“

„Aber sicher“, nickt er, macht sich behäbig auf zur Zapfsäule, fummelt das Ventil in den Stutzen und wendet sich nach dem Einrasten des Hebels wieder seinem Kunden zu: „Was macht dein Ölverlust an den Ventildeckeln? Haste das in den Griff bekommen?“

Bert nickt eifrig und entgegnet: „Ja, es war ein wenig fummelig und nicht ganz so einfach, das wieder dicht zu bekommen, aber schließlich habe ich es hinbekommen. Aktuell verliert er tatsächlich mal kein Öl.“

„Gar keins?“, hakt sein Gegenüber skeptisch nach.

„Ja, gar keins. Überrascht mich auch, aber seit der Reparatur habe ich das Problem für den Moment nicht mehr. Aber wir wissen ja: Das wird nicht lange so bleiben“, lacht er Gerd an, „und wie ist es bei deinem?“

„Ach, hör mir bloß auf, du“, winkt Gerd ab und deutet rüber zu seiner Werkstatt, „ich habe ihn gerade wieder auf der Bühne stehen und in Einzelteile zerlegt, aber ich finde das Leck einfach nicht. Ich habe immer wieder kleine Tropfen unter dem Motor, kann aber nicht mal die Austrittsstelle finden. Und bevor du jetzt was sagst: Nein, das Kurbelgehäuse ist es auch nicht, habe ich als erstes geprüft.“

„Ich wollte gerade fragen“, gluckst Bert vor sich hin, „irgendwann wirst du das Problem schon finden. Niemand kennt die Käfer so gut wie du. Ohne dich wäre ich mit meinem in früheren Jahren echt aufgeschmissen gewesen.“

„Danke für die Blumen, aber du bist mittlerweile selbst schon n richtiger Experte für die alten Schätzchen“, gibt Gerd das Kompliment zurück, während vom Zapfventil ein lautes Klicken zu hören ist und beide sich dem Ort des Geräuschs zuwenden. Gerd macht sich daran, das Ventil zurück in die Zapfsäule zu stecken und den Stutzen am Auto zu reinigen, wobei sein Blick auf die Befestigung des Verdecks fällt: „Siehst du, ich sags ja: Du bist selbst Experte. Guck mal, wie gut dein Auto in Schuss ist. Dein Verdeck sieht super aus, kein Blumenkohl, kein Rost, alles super sauber und gepflegt. Ich kenne viele, die ihre Käfer lieben, aber keinen, der ihn so pflegt wie du.“

„Jetzt muss ich mich für die Blumen bedanken“, lacht Bert seinen Lieblingstankwart an, „was bekommst du von mir?“

„70€. Tanken war früher auch mal billiger, was? Kannst du dich noch erinnern, als wir den Tank für n Appel und n Ei vollgemacht haben?“, fragt Gerd, während er seinem Kunden die offene Hand entgegenstreckt und ihn auffordernd anguckt.

Bert zückt seine Geldbörse, nimmt das Geld passend heraus, drückt es ihm in die Hand und antwortet lachend: „Ja, kann ich, natürlich. Wer könnte das nicht? Aber was soll man machen? So ein Auto fährt nicht mit Luft und gutem Willen.“

„Recht hast du“, stimmt Gerd in sein Lachen ein und steckt sich das Geld in die Tasche seiner ölverschmierten Latzhose.

„Ich danke für deinen Service“, will Bert sich verabschieden, wird aber von Gerd unterbrochen: „Ach, wat, Service. Bleib mir weg mir diesem Englischkram. Das war Tanken und gut is.“

„Dann danke fürs Tanken“, korrigiert Bert sich mit einem Lächeln und streckt seinem Tankwart die Hand zur Verabschiedung hin, „wir sehen uns. Und viel Glück mit deinem Ölleck.“

„Ja, ich werds schon finden, da haste Recht. Gute Fahrt Bert!“, verabschiedet er sich und macht sich langsam schlurfend auf den Weg zurück zu seiner Werkstatt, auf dem er sich die Hände mit seinem Lappen abwischt. Bert gluckst ein wenig vor sich hin, weil er beim Einsteigen darüber nachdenkt, wie gerne er diesen komischen Kauz doch hat und wie schön es ist, dass er ausschließlich Fragen über Autos stellt und nie nach privaten Dingen fragt. Und so lässt Bert seinen Motor an und fährt zurück auf die Landstraße, wo er seinen Arm auf die Tür legt, seinen Blick über die weiten Weizenfelder schweifen lässt und diesen schönen Sommertag fahrend genießt.

Ein Kommentar zu „Der Sonntagsfahrer – Besuch an der Tankstelle“

  1. Avatar von Steffi
    Steffi

    So schön anschaulich geschrieben 🤗

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert