Kapitel 4 – Das zerbrochene Spielzeug – Teil 2
Am darauffolgenden Morgen macht Ben sich endlich daran, den Brief an Herrn Margow zu schreiben, damit er mit diesem Versuch, an direkte Informationen zu kommen, nun endlich ein Stück vorwärtskommt. Nachdem er zunächst überlegt hatte, einfach offen und ehrlich als sein Nachbar an ihn zu schreiben, schiebt er den Gedanken schließlich beiseite:
„Nein, ich schreibe unter meinem Pseudonym, das ich für kritische Reportagen und Berichte nutze. So kann ich meine eigene Identität schützen und löse bei Herrn Margow keinen Argwohn mir gegenüber aus. Ich will ja auch noch eine gute Nachbarschaft mit ihm pflegen und wenn er auf die Idee kommt, dass ich Daten über ihn sammle, um ihn eventuell als Schwindler entlarven zu können, kann ich mir unter Umständen schon wieder eine neue Nachbarschaft suchen. Da ich mein Haus aber liebe und hier gerne alt werden will, bleibe ich lieber vorsichtig. Außerdem hat mein Pseudonym eine eigene Adresse und Postweiterleitung, was nicht nachverfolgt werden kann. So kommt die Post auf Umwegen zu ihm und zu mir, was alles ein wenig verlängert, aber ein Zeitproblem habe ich ja nicht, der alte Herr stellt schließlich keine Gefahr dar.“
Ben schnappt sich seinen besten Füllfederhalter und schreibt im Stil seines Pseudonyms die Worte, die er sich über die letzten Tage nach und nach zurechtgelegt hat, bis er schließlich seinen Stift wieder ablegt und den Brief zur Kontrolle noch einmal liest:
„Sehr geehrter Herr Margow,
mir ist aus verschiedenen Quellen zu Ohren gekommen, dass sie ein Zauberer sind. Ich interessiere mich sehr für Themen, die in der Öffentlichkeit selten oder gar nicht wahrgenommen werden und da ist die Zauberei natürlich von hoher Relevanz für mich. Ich sage es Ihnen, wie es ist: Ich möchte gerne herausfinden, was das ist, wie es funktioniert und wie ein solches Phänomen so vollkommen unbeachtet von der Öffentlichkeit existieren kann.
Deshalb möchte ich gerne mit Ihnen in Kontakt kommen und schreibe Ihnen diesen Brief, verbunden mit der Hoffnung, dass Sie mir antworten.
Gerne möchte ich zu einem späteren Zeitpunkt ein Interview mit Ihnen führen, wenn Sie einwilligen, ich möchte Sie aber in einem ersten Schritt zunächst um Antworten auf folgende drei Fragen bitten:
1. Kann man Zauberei erlernen oder ist es eine angeborene Fähigkeit?
2. Welche Arten von Zauberei gibt es?
3. Was macht man als Zauberer?
Ich freue mich auf Ihre Antwort in Briefform!
Mit freundlichen Grüßen
Sam Dowell“
Ben nickt zufrieden, faltet den Brief zwei Mal in der Hälfte, steckt ihn in den schon beschriebenen und frankierten Kuvert und klebt diesen unter Zuhilfenahme eines Klebestifts zu.
Er beschließt, einen kleinen Spaziergang zu einem etwas weiter entfernten Briefkasten zu machen, damit eine zufällige Begegnung mit Herrn Margow nicht aus Versehen dazu führt, dass dieser den Brief in seinen Händen wiedererkennt, wenn er in seiner Post wieder auftaucht.
Während seines Spaziergangs hält er seinen Kopf in die Sonne und genießt das warme und wohlige Gefühl, dass über den Körper fließt, als er von außen nach innen langsam so richtig durchwärmt.
Am Briefkasten angekommen, wirft er sein Schreibwerk schnell ein und beschließt, noch einen kleinen Umweg zurückzunehmen, sodass er von der Rückseite am Haus von Herrn Margow vorbeikommt, in der Hoffnung, dass er beim Anblick des Gartens noch irgendeine neue Erkenntnis bekommen könnte.
Als er aber schließlich das Grundstück erreicht und den Garten näher ins Auge nehmen will, hört er Stimmen, die vor dem Haus miteinander reden und eine freudig-aufgeregte Ellie, die durch den ganzen Garten vernehmbar ruft:
„Danke, Herr Margow, ich wusste, dass du das schaffst!“
Ben geht näher heran und sieht, dass Ellie ihre kleine Puppe Emma in der Hand hält und kann kaum glauben, dass diese tatsächlich wieder in einem Stück ist. Um nicht aufzufallen, schleicht er sich noch einige Schritte weiter heran und kann eine Position erreichen, in der das Geschehen gut beobachten und hören kann, ohne selbst groß aufzufallen. Einen kurzen Moment überlegt er, ob er sich nicht einfach wie zufällig dazugesellen soll, verwirft diesen Gedanken aber wieder, weil er die Situation nicht unterbrechen möchte:
„Meine Position hat allerdings einen entscheidenden Nachteil. Ich kann leider keine Details erkennen. Es könnte ja sein, dass er ihr einfach eine neue Puppe gekauft hat.“
Als hätte Ellies Vater seine Gedanken gehört, fragt dieser ungläubig und bewundernd zugleich:
„Sagen Sie mal, wie haben Sie das denn geschafft? Es ist ja tatsächlich Ellies alte Puppe, nur in heile. Ich kann das gar nicht glauben. Die war doch nicht mehr zu reparieren.“
Da Ben von seiner Position Herrn Margow nicht sehen und damit seine Haltung und Mimik nicht lesen kann, bleibt ihm bloß, auf die Stimme zu hören, die sehr freundlich und gleichzeitig bestimmt klingt:
„Nein, da hast du natürlich Recht, Max, man konnte sie auch nicht mehr reparieren. Und das habe ich auch nicht gemacht. Ich habe sie einfach geheilt und nun ist sie wieder ganz.“
Dass Max und Claudia bei der Antwort alles aus dem Gesicht fällt, kann Ben von seiner Warte aus dann aber sehr gut erkennen und er bemerkt selbst einen Moment später, dass sein eigener Kiefer ebenfalls nach unten geklappt ist.
Dann fällt sein Blick auf Ellie und ihr sonnenstrahlendes, helles Gesicht und er kann nicht anders, als sich von ihrem Lachen und ihrer Freude mitreißen zu lassen. Sein Herz macht einen kleinen Sprung, weil er sich über das Glück in Ellies Leben so freut und er beschließt, auf einem Umweg nach Hause zurückzukehren und für heute seine Recherche auszusetzen und diesen Moment zu genießen.

