Kapitel 8 – Ein Sturm im Vorgarten
Nach den Ereignissen rund um den Brief und den Abendspaziergang, an dem Ben Herrn Margow ohne seinen Schatten angetroffen hat, widmet Ben seine Aufmerksamkeit anderen Themen, die ihn von all diesen merkwürdigen Geschehnissen ablenken und irgendwie wieder „normal“ sind und er spürt, dass ihm diese Distanz tatsächlich hilft.
Etwa drei Wochen nach jenem Abend sitzt Ben auf seiner Terrasse und genießt einen wunderschönen Spätsommerabend mit einem Glas Wein und denkt über seine kommenden Projekte nach:
„Ich würde gerne mal wieder eine einfache Geschichte von ganz normalen Leuten erzählen, die ihn ihrem Alltag mit ihrem Engagement einfach aus sich heraus etwas Gutes tun und anderen Leuten helfen. So ganz ohne Magie und Zauberei, einfach Leute, die ein Problem sehen und anpacken. Ich finde solche Geschichten immer enorm inspirierend, weil sie zeigen, dass ganz normale Menschen in ihrem Alltag mit einfachen, aber guten Taten dafür sorgen, dass es noch Licht und Hoffnung gibt in dieser Welt. Solche Geschichten werden viel zu wenig erzählt. Wenn ich die Artikel meiner Kolleginnen und Kollegen lese, dann gruselt es mich, denn die schreiben nur noch von schlechten Ereignissen. Kein Wunder, dass die Leute mies drauf sind. Einfach eine gute Story über die guten Taten von Menschen, damit alle sehen können, dass es das noch gibt: Das Gute in der Welt.“
„Achja…“, seufzt Ben laut vor sich hin und schaut sich in seinem kleinen, aber feinen Garten um, „vielleicht sollte ich mal wieder ein paar Interviews in der Fußgängerzone führen, um solche Menschen zu finden.“
„Welche Menschen?“, ertönt wie aus dem Off eine Kinderstimme, was Ben so sehr erschreckt, dass er fast sein Glas fallen lässt.
Im nächsten Moment lugt das Gesicht von Ellie um die Ecke und Ben begrüßt sie noch etwas verschreckt:
„Ach, hallo, Ellie, du hast mich ganz schön erschreckt!“
„Entschuldige, das wollte ich nicht. Ich wollte nur fragen, ob du nicht auch zu uns kommen magst? Aber kannst du mir erstmal verraten, welche Menschen du meinst?“, hakt Ellie neugierig nach und während sein Gehirn sich noch über ihre erste Frage wundert, beantwortet sein Mund schon die zweite:
„Ich würde gerne mal wieder eine positive Story über gute Menschen schreiben und habe laut überlegt, wie ich solche Menschen am besten finden kann.“
„Warum schreibst du dann nicht einfach über Herrn Margow?“, springt Ellie begeistert auf die Idee an, „der macht doch so viele gute Sachen und ist ein guter Mensch!“
Den Kopf schüttelnd entgegnet Ben: „Ach, weißt du, Ellie, ich glaube nicht, dass daraus die Art Story würde, die ich mir vorstelle. Jetzt erzähl mir aber doch erstmal, was du damit meintest, ob ich nicht auch zu euch kommen mag.“
„Achso, alle stehen bei Herrn Margow vor dem Haus und gucken sich einen Sturm an. Ich dachte, das interessiert dich bestimmt auch“, führt Ellie aufgeregt aus und Ben schaut sie irritiert an:
„Sturm? Welcher Sturm? Es scheint doch die Sonne.“
Mit einem entnervten und gleichzeitig gelangweilten Blick straft Ellie ihr Gegenüber ab: „Ja, hier! Aber bei Herrn Margow im Garten ist ein Sturm. Komm ihn dir angucken. Vielleicht überlegst du dir ja dann doch nochmal, ob du über ihn deine Story schreibst.“
Ellie verschwindet so unmittelbar wie sie aufgetaucht ist und Ben beschließt, sich diesen ominösen Sturm einmal anzuschauen.
Als er um seine Hausecke kommt, sieht er schon, dass Allie nicht übertrieben hat, denn vor Haus 13 hat sich tatsächlich eine beträchtliche Gruppe Menschen gesammelt, die wild diskutierend und gestikulierend durcheinanderbrabbelt. Ben kann auch seine Bekannten aus der Straße entdecken, sogar Heinz und Ellies Eltern sind in der Menge. Als er näher herankommt, kann er die Aufregung plötzlich nachvollziehen und traut seinen eigenen Augen kaum:
Im Vorgarten von Herrn Margow tobt tatsächlich ein kleiner Wirbelsturm, der Blätter, Äste und kleinere Zweige genauso durch die Luft wirbelt wie kleinere Steine und den ein oder anderen Deko-Gegenstand aus dem Garten selbst. Wider Erwarten bewegt sich der Sturm jedoch nicht hin und her, sondern schwebt permanent an derselben Stelle. Die Diskussion der anwesenden Menschen hingegen schwappt stark hin und her und dreht sich vor allem um die Frage, ob es sich um ein natürliches Phänomen handeln kann oder ob hier etwa Magie im Spiel sei.
Eine Fraktion rund um Heinz ist der Ansicht, dass so etwas gar nicht natürlichen Ursprungs sein könne und irgendeine Form von Manipulation dahinterstecken müsse. Die zweite Fraktion glaubt auch nicht an eine natürliche Ursache, macht die Begründung dafür aber an Magie fest und die dritte Fraktion erklärt lautstark, dass es immer schon so kleine Windhosen gegeben habe und daran weder etwas übernatürlich noch verschwörerisch sein kann.
Ben hat schon genügend Diskussionen dieser Art miterlebt, um zu wissen, dass es überhaupt nichts bringt, sich einzumischen. Er verdreht über den Aufruhr und die Diskussionsfrage bloß innerlich die Augen:
„Ich war so froh, mal ein wenig Abstand von diesem Thema zu haben, aber offensichtlich will irgendwas oder irgendwer, dass ich mich damit auseinandersetze. Was ich aber bis jetzt immerhin verstanden habe, ist, dass diese Fragestellung zu nichts führt. Was das Ganze aber immerzu soll, verstehe ich noch nicht. Vielleicht hat der alte Mann doch recht und ich brauche wirklich eine ganz andere Perspektive. Nur: Welche?“
Ben schaut sich die Szene noch einige Momente an und will schon zurück auf seine Terrasse gehen, als sich die Tür von Haus 13 öffnet und Herr Margow vor die verblüffte Menschentraube tritt und diese freundlich begrüßt:
„Guten Abend meine Damen und Herren, schön, dass sie dieses Schauspiel bewundern. Es ist doch herrlich anzuschauen oder?“
Vollkommen überrumpelt von seiner direkten Ansprache schafft es niemand, eine schnelle Antwort zu formulieren und so ergreift Ben die Gelegenheit, eine Frage zu stellen:
„In der Tat, ist es. Aber was ist es?“
Herr Margow wendet sich Ben zu und lächelt ihm anerkennend zu, spricht:
„Das ist eine gute Frage. Es ist Wind. Und auch der Wind muss mal lüften“, dreht sich auf dem Absatz um, verschwindet wieder im Haus und hinterlässt eine vollkommen überforderte und für den Moment komplett stille Menschentruppe vor seinem Garten, die wenige Minuten später beobachten kann, wie sich der Sturm legt und verschwindet.

