Kapitel 6 – Der Brief
Später am Tag nimmt Ben sich nach einem ausgedehnten und entspannten Mittagsimbiss noch einmal den Brief vor, in der Hoffnung, dass ihn diesmal keine kaputten Spielzeuge oder streitenden Nachbarn von der Arbeit abhalten und er endlich die Zeit und Ruhe hat, ihn gründlich zu untersuchen.
Ben überlegt einen Moment, wie er selbst sicherstellen kann, möglichst nicht gestört zu werden und beschließt dann, eine Runde durch sein Haus zu drehen. Er verschließt alle Fenster und Türen fest und geht anschließend zur Haustür und schaltet seine Klingel aus. Zufrieden geht er zu seinem Schreibtisch, schaltet seinen Laptop ein und macht sich Hintergrundmusik an, damit auch zufällige Geräusche von draußen seine Konzentration nicht unterbrechen können.
Zufrieden mit sich selbst setzt Ben sich an den Schreibtisch, schnappt sich seine Notizzettel und schreibt jede Beobachtung mit, während er Schritt für Schritt vorgeht:
„Umschlag:
– auffälliges Blumenmuster bestehend aus verschnörkelten bunten Sonnenblumen auf erdfarbenem Hintergrund
– sehr robustes und trotzdem weiches Papier, das sich außergewöhnlich gut anfasst, sodass ich es fast zu schade finde, es durch Öffnen des Umschlages zu beschädigen
– handgeschriebene Adressen von Empfänger und Absender, schwarze Tinte, keinerlei Kratzspuren der Feder, also hochwertiger Füllfederhalter
– klassische Briefmarke mit Stempel der Poststelle
– Beim Öffnen des Umschlags keine Auffälligkeiten, leicht und problemlos ohne zerreißen, was mich tatsächlich erleichtert
Briefpapier:
– das Design des Briefpapiers entspricht dem des Umschlags, bloß, dass es etwas verschwommener und weniger intensiv gefärbt ist, damit man das Geschriebene auch lesen kann
– haptisch genauso wie der Umschlag, fasst sich unglaublich gut an
– die Rückseite der Blätter ist durchgängig vom selben Muster und derselben Intensität wie der Umschlag, jedes Blatt kann also nur auf der Vorderseite beschrieben werden
– vom Papier strömt dieser wunderbare Geruch nach alten Büchern aus
Brief:
– insgesamt besteht der Brief aus zwei Seiten
– handgeschrieben mit derselben Tinte wie auf dem Umschlag, ebenfalls schwarze Tinte und keinerlei Kratzer im Schriftbild
– die Schrift ist verziert mit kleinen Serifen und als Schreibschrift umgesetzt
– das Schriftbild ist sehr schön – fast zu schön – und sieht aus, als hätte der Autor eine kaligrafische Ausbildung
– insgesamt wirkt der Brief ziemlich schwer, was sicherlich auf das Gewicht des Papiers zurückzuführen ist“
Ben legt seinen Stift beiseite und kann sich ein wenig Ernüchterung nicht verkneifen:
„Irgendwie hatte ich mir wohl mehr Erkenntnisse vom reinen Studium der Äußerlichkeiten erhofft. Aber allem Anschein nach ist das hier einfach ein normaler Brief. Vielleicht enthält der Text ja etwas Aufschlussreiches.“
Ben will die beiden handgeschriebenen Seiten in die Hand nehmen, um den eigentlichen Text zu lesen und stellt fest, dass er die Seiten gar nicht aus der Hand gelegt hat, sondern seine Finger die ganze Zeit mit langsamen, fast zärtlichen Bewegungen über das Papier gefahren sind und er ist darüber einen Augenblick lang sehr irritiert. Er will diese Irritation schon ignorieren, als ihm einfällt, dass es ja genau solche Momente sind, die später noch wichtig werden könnten. Also ergänzt er seine Notizen unter Brief um einen weiteren Stichpunkt:
„- Ich stelle fest, dass ich den Brief unglaublich gerne in den Händen halte und habe gleichzeitig den Eindruck, dass der Brief genau das will…“
Ganz aufgeregt, doch noch einen Ansatz gefunden zu haben, um Herrn Margow auf die Spur zu kommen, beginnt Ben zu lesen:
„Lieber Sam,
mit großer Freude habe ich deinen Brief gelesen und ich freue mich noch mehr darüber, dass du dir die Mühe gegeben hast, ein besonderes Papier dafür zu verwenden. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich und passt deshalb gut zu mir. Denn auch das, was du in deinem Brief ansprichst, ist nicht mehr selbstverständlich. Es gibt immer weniger Menschen, die noch an Zauberei glauben und deshalb auch immer weniger Zauberer wie mich.
Du verwendest den Begriff des „Phänomens“ und liegst dabei einerseits deutlich daneben und gleichzeitig beschreibt der Begriff doch sehr gut, worum es geht. Es liegt eben in der Verwendung der korrekten Bedeutung, ob man etwas versteht oder nicht. Deine Fragen lassen den Schluss zu, dass du es nicht verstehst – vielleicht noch nicht – und dass du schon im Vorfeld ein gewisses Interesse verfolgst, was das Verständnis erschwert.
Ich möchte dir trotzdem kurze Antworten auf deine Fragen geben:
1. Weder, noch.
2. Alle.
3. Zaubern.
Ein Interview braucht es nicht und auch keinen Artikel, wir können aber gerne persönlich darüber sprechen, wenn du dich entschließen kannst, deine verdeckten Ermittlungen aufzugeben, bei denen du ohnehin im Trüben herumstocherst und nicht vorankommst. Nicht, weil es keine Hinweise gäbe, sondern weil du die Hinweise übersiehst. Vielleicht versuchst du einen neuen Ansatz: Versuche, zu verstehen, nicht zu beweisen.
Sprich mich einfach an, wenn du so weit bist.
Dein Nachbar“
Fassungslos entgleitet Ben nicht nur sein Gesichtsausdruck, sondern auch der Brief und er fällt vollkommen geplättet in seinen Schreibtischstuhl:
„Darauf brauch ich erstmal ein Glas Wein…“

